5G als Katalysator der Digitalisierung im Gesundheitswesen – Interview mit Prof. Steffen Hamm

Wer selbst auf dem Land lebt oder dort Verwandte hat, kennt das Problem: Eine Person in der Familie bekommt eine schwere chronische Erkrankung und die ganze Verwandtschaft ist damit beschäftigt, deren medizinische Versorgung durch Fahrdienste und Terminorganisationen zu gewährleisten. Hinzu kommt: Fachliche Beratungsstellen und Pflegedienste sind oft überlastet und leiden unter Personalnot. Mit dem Projekt „5G4Healthcare“ der Ostbayerischen Technischen Hochschule Amberg-Weiden (OTH-AW) soll eine Plattform entstehen, die in Realumgebungen auf Basis von 5G digitale Anwendungen der ländlichen Gesundheitsversorgung entwickelt und erprobt. Insbesondere zwei Szenarien stehen im Mittelpunkt: die integrierte Versorgung und die häusliche Pflege. Angestrebt wird beispielsweise ein virtuelles Versorgungszentrum, dass unabhängig von Ort und Zeit Therapie und Diagnostik bieten soll. Erprobt werden soll dies in einem sogenannten „Living Lab“. Wir haben Prof. Steffen Hamm von der OTH-AW nach den Zielen und Chancen des Projektes für den ländlichen Raum gefragt.

Wie kann 5G die Digitalisierung im Gesundheitswesen beschleunigen?Prof. Steffen Hamm

Die Digitalisierung im Gesundheitswesen ist äußerst komplex und von verschiedensten Faktoren – marktlichen, rechtlichen und technischen – abhängig. Aus technischer Sicht stellt die 5G-Technologie einen wichtigen Treiber der Digitalisierung im Gesundheitswesen dar und ist – wie auch in anderen Branchen – deutlich mehr als „nur“ ein neuer Mobilfunkstandard. Sie ist vielmehr Enabler für neue Geschäfts- und Versorgungsmodelle. Dies ergibt sich zum einen aus den bekannten Performance-Eigenschaften der Technologie, die in verschiedensten Bereichen des Gesundheitswesens neue Möglichkeiten eröffnen: bei Remote-Konsilien und (sensorischer) Fernüberwachung von Vitalfunktionen, beim Einsatz von AR (Augmented Reality integriert digitale Inhalte in die reale Welt) und VR (Virtuelle Realität) im Bereich der medizinischen Aus- und Weiterbildung, bei der eklatanten Zunahme von Devices im Kontext eines Internet of Medical Things oder beim Einsatz von Lösungen der Robotik und Automatisierung im Gesundheitswesen. Insgesamt ist vor dem Hintergrund der Charakteristika und Vorzüge der 5G-Technologie somit eine Vielzahl von Anwendungsfällen und Einsatzgebieten im Gesundheitswesen denkbar, die durch das Potenzial von 5G in hohem Maße profitieren. Neben den Performance Eigenschaften bringt die 5G-Technologie ein hohes Maß an Flexibilität für die Nutzer in der Anwendung mit sich – Stichwort Network Slicing[1]. Durch die damit flexible und effiziente Nutzung der 5G-Technologie wird der Einsatz digitaler Lösungen auch auf der Applikationsebene einfacher und effizienter, was der Digitalisierung im Gesundheitswesen insgesamt Vorschub leistet. 

Welche Perspektiven bieten sich durch diese Digitalisierung speziell für den dünn besiedelten Raum?

In dünn besiedelten, ländlichen Regionen entstehen zusätzlich zu den allgemeinen Herausforderungen der Gesundheitsversorgung weitere. Dabei spielen Mobilität, Zugänglichkeit und geeignete Fachkräfte eine entscheidende Rolle. Durch eine hoch performante Infrastruktur im Sinne der 5G-Technologie können vielen dieser Probleme gelöst werden. Ermöglicht werden hierdurch dezentrale Behandlungen – von der Videosprechstunde über den Einsatz von Sensorik bis hin zu robotergestützten Therapien – mit der Sicherstellung einer effizienten und hoch qualitativen Versorgung zugleich – unabhängig vom Wohnort. Neben dem eigentlichen Aspekt der Gesundheitsversorgung der Bevölkerung stellt dies explizit für ländliche Regionen auch einen wichtigen Standortfaktor dar, da die Sicherstellung der Versorgung in Wohnortnähe für die meisten Bürgerinnen und Bürger von hoher Bedeutung ist. 

Welche ersten Erfahrungen liegen bereits vor?

Der Einsatz der 5G-Technologie im Gesundheitswesen nimmt aktuell in Wissenschaft und Praxis kontinuierlich zu. Unser vom Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur gefördertes Projekt 5G4Healthcare zielt darauf ab, Möglichkeiten und Grenzen der Verbesserung der Effektivität und Effizienz in der (ländlichen) Gesundheitsversorgung durch 5G auszuloten und Handlungsempfehlungen für skalierbare Lösungen abzuleiten. Primär bezogen auf die beiden Use Cases „Homecare“ und „Integrierte Versorgung“ werden hier Chancen und Potenziale der 5G Technologie in der Gesundheitsversorgung erforscht werden. In über 100 Anwendungsszenarien in den beiden Use Cases konnten bisher die Effekte der 5G-Technologie erforscht und evaluiert werden. Neben positiven Effekten in den einzelnen Szenarien durch die 5G-Technologie kann v. a. abgeleitet werden, dass der praktische Mehrwert – z. B. gegenüber WLAN – insbesondere bei der parallelen Nutzung und der permanenten Zunahme von eingebundenen Devices zu Tage tritt.

Wo sehen Sie die Chancen und die Grenzen der Digitalisierung im Gesundheitswesen?

Die traditionellen Gesundheitssysteme befinden sich in einem massiven und sich stetig beschleunigendem Wandel. Das Potenzial innovativer Lösungen entlang der gesamten Versorgungskette zu nutzen, wird daher – insbesondere in der ländlichen Versorgung – künftig essentiell sein, um eine patientenorientierte Wertschöpfung im Sinne eines Value-Based-Healthcare-Ansatzes zu realisieren. Die Digitalisierung ist ein starker Hebel und Treiber von innovativen Versorgungsstrukturen und -konzepten, deren künftiges Ziel es sein muss, professionsübergreifende Behandlungspfade über Sektorengrenzen hinweg zu unterstützen. Die Digitalisierung wird dabei dazu führen, dass existierende Versorgungsstrukturen und -prozesse disruptiert werden und völlig neue Gesundheitsdienstleistungen entstehen werden. Die intelligente Integration von Daten aus verschiedenen Quellen – innerhalb und außerhalb der Gesundheitseinrichtung – wird dabei immer wichtiger, um so schrittweise den Ansatz, welcher als „P4“-Medizin (personalisiert, präventiv, prädiktiv, partizipativ) bezeichnet wird, umzusetzen und Gesundheitssysteme vollkommen neu und nachhaltig auszurichten, weg von der Behandlung einzelner Krankheiten hin zur kontinuierlichen Prävention bzw. Verhinderung von Krankheiten. Allerdings entstehen durch die Digitalisierung nicht nur Lösungen, sondern auch neue Fragestellungen und Herausforderungen. Hierzu zählen sich verändernde Rollenbilder und -verständnisse sowie ethische Fragestellungen, inwieweit alles, was technisch möglich ist, tatsächlich auch umgesetzt werden soll.

Wo liegen aktuell die Herausforderungen?

Die Herausforderungen bei der Realisierung der Potenziale der digitalen Gesundheitsversorgung liegen am wenigsten im technischen Bereich. Vielmehr sind zum einen die marktliche und rechtlich-regulatorische Komplexität des Gesundheitswesens nicht zu unterschätzen, jedoch meist lösbar. Zum anderen darf aber nicht vernachlässigt werden, dass Digitalisierung in erster Linie auch Veränderung bedeutet – und dies stößt oft auf Widerstände. Die Ursachen hierfür sind mannigfaltig: eine grundsätzliche Skepsis gegenüber neuen Technologien, die Angst von Individuen die eigene Komfortzone verlassen zu müssen oder durch eine Technologie selbst „ersetzt“ zu werden bis hin zu rein wirtschaftlichen Vorteilen einzelner Interessengruppen, die durch eine digitale Transformation verlorengehen könnten.

[1] Network Slicing: Mit diesem Prinzip können 5G-Netzbetreiber ihre Infrastruktur oder Teile davon anwendungsbezogen und auf Abruf bereitstellen und so flexibel und effizient auf die vielseitigen Anwendungen anpassen.

Veröffentlicht am: 06.09.21