Der Handyroman: Literatur wird mobil

Mit dem Handyroman hat die Mobilfunktechnologie ein eigenes Literaturgenre hervorgebracht. In Japan eroberten Handyromane vor einigen Jahren sogar die Bestsellerlisten. Heute sind sie als Teil der Netzliteratur immer noch populär. Auch an Deutschland ist der Trend nicht spurlos vorübergegangen.

Handyromane sind – wie der Name andeutet – speziell für den Konsum auf dem Mobiltelefon konzipiert. Meist drehen sich die Geschichten um plakative, reißerische Themen wie (unglückliche) Liebesgeschichten, Prostitution, Drogen oder Selbstmordversuche. Kompakte, einfache Sätze sowie umgangssprachliche Formulierungen sind typisch, ausschweifende Szenenbeschreibungen eher selten. Die Kapitel sind relativ kurz, sodass eine häufige Leseunterbrechung möglich ist. Um die Wirkung ihrer Worte zu verstärken, setzen die Autoren Smileys oder Emoticons ein, wie sie in der Kurznachrichten-Kommunikation üblich sind. Smartphones schaffen zusätzliche Möglichkeiten, die Dramaturgie etwa durch Musik, Videos oder Fotos zu unterstreichen („Enriched Books“).

Trend aus Fernost
Vor allem in Japan ist der Handyroman (keitai shosetsu) beliebt. Die Bundeszentrale für Politische Bildung sieht in Handyromanen einen festen Bestandteil der japanischen Literaturlandschaft (Quelle: bpb Magazin 2/2014). Autoren und Leser sind typischerweise jung, technikaffin und überwiegend weiblich. Die Japanologin Johanna Mauermann verortet Handyromane in ihrem Buch „Handyromane. Ein Lesephänomen aus Japan“ zwischen Literatur, Jugendkultur und neuen medientechnischen Entwicklungen. Einen spürbaren Höhepunkt erlebte der Handyroman 2007: In diesem Jahr fanden sich auf der japanischen Bestellerliste fünf Handyromane unter den Top 10.

Heute sind klassische Handyromane in der japanischen Literatur nicht mehr so dominant, aber als Teil der zunehmend stark verbreiteten Netzliteratur (darunter fallen auch E-Books und digitalisierte Print-Publikationen) nach wie vor populär. Hierzu tragen auch neue Standards und Formate bei, die durch die rasante Weiterentwicklung digitaler Medien entstanden sind. ePub kann beispielsweise über Handys, Smartphones und von einigen E-Book-Readern genutzt werden: Somit können Handybücher und E-Books auf verschiedenen Mobilgeräten mit unterschiedlicher Bildschirmgröße gelesen werden.

Handyromane in Deutschland
Auch an Europa ist der Trend aus Fernost nicht spurlos vorübergegangen, wenngleich Handyromane hierzulande keine so große Bedeutung hatten und haben wie in Japan. Der bekannteste deutschsprachige Autor von Handyromanen ist der Wirtschaftsinformatiker und Schriftsteller Oliver Bendel aus Zürich. Sein erstes digitales Werk „Lucy Luder und der Mord im studiVZ“ erschien 2007. Die Lucy-Luder-Reihe sowie Bendels anderen beiden Werke „Handy Girl“ und „lonelyboy18“ begeistern die junge Leserschaft (vgl. www.handyroman.net).

Ähnlich wie in Japan sind in Deutschland  Plattformen für Netzliteratur entstanden, auf der jeder zum Autor werden und Texte hochladen kann. Johanna Mauermann und Oliver Bendel sprechen in ihrem Beitrag „Angriff von unten: Tiefgreifende Veränderungen durch elektronische Literatur“ im Online-Literaturmagazin LIBREAS von einem „User-generated Content, der im besten Fall hochwertige Literatur, im schlimmsten Fall Sprachmüll darstellt“. Typisch für die „Literatur von unten“ sei auch der interaktive Charakter: „man schließt sich in Gruppen zusammen, wodurch im Extremfall sogar der Autor verschwindet; und man liest, kommentiert und bewertet sich gegenseitig“.